Cristallerie

Wadgassen

Cristallerie

Beginn der Glasherstellung:                1842
Schließung der Glashütte:                    1985 
Schließung der Showglashütte:         2010

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1842 – Beginn der Bauarbeiten an der Hütte.
Diesbezüglich existiert ein Beleg für den Zeitraum von 1842 – 1855 über eine „Zusammenstellung der Ausgaben für Neubauten in Wadgassen“.
Der offizielle Gesellschaftsvertrag wurde erst am 29. Juni 1843 notariell geschlossen.

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Dr. Eva Mendgen

Die bereits in der Steingutfabrikation erfolgreichen Unternehmer Alfred Villeroy und Johan Franz Boch richteten in der ehemaligen Prämonstratenserabtei in Wadgassen eine Weißhohlglashütte ein, die
„Cristallerie Villeroy, Karcher & Comp.“.

Der aus Lothringen stammende Großvater von Alfred Villeroy, Nicolas Villeroy, hatte die Abtei bereits nach der Säkularisierung 1798 erworben. Miteigentümer waren Eduard Karcher, der 1883 ausschied, und der Lothringer  Eugen Raspiller, dessen Familie unter anderem die  Fenner Glashütte [Völklingen] besaß. …

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Laut Concessions-Urkunde von 1899 unterhielt die „Firma Villeroy & Boch … seit dem Jahre 1842 in der Gemeinde Wadgassen … eine Weißhohlglashütte“, „Gegenstand der Fabrikation ist Weißhohlglas, Preß-
und Krystallglas“, wobei sich die Hütte auf die Produktion von  Kristallglas spezialisierte.
Die Fabrik wurde nach dem Vorbild von Baccarat eingerichtet, der erste Arbeitstag war nach einer Notiz des später in die USA ausgewanderten Glasmachers Nicholas Kopp der 26.08.1842.

Die Mehrzahl der Glasmacher kam aus den alten lothringischen Glasmacherzentren: Baccarat, Lemberg, Soldatenthal, Meisenthal oder Schoenecken.
Umgekehrt arbeiteten später Glasmacher und -Schleifer aus Wadgassen in Lothringen (Meisenthal, Lemberg).

Der Standort Wadgassen eignete sich ausgezeichnet für eine Glashütte: die nahe gelegene Grube Hostenbach gehörte dem Mettlacher Unternehmen, und so konnten die Glasöfen von Anfang an mit Koks befeuert werden.
Die neue Hütte profitierte vom Savoir-faire [Fachwissen] der lothringischen Glasmacherfamilie Raspiller (Louisenthal, Fenne), die mit den Brüdern Eugen und August die beiden ersten technischen Direktoren der Kristallerie stellte [1843-1854/1854-1857].
Es entstand ein für damalige Zeiten ausgesprochen moderner Fabrikbetrieb, in dem die Rohglasproduktion und ihre Veredlung am selben Ort und nicht etwa – wie z.B. in der nordböhmischen Glasindustrie – in Heimarbeit vorgenommen wurden.

In Konkurrenz zu Saint Louis, Baccarat, Val-Saint-Lambert und den rheinischen Glashütten (Köln-Ehrenfeld) belieferte Wadgassen den französischen und deutschen Markt mit Kristallglasartikeln.
Die Produkte wurden auf der Saar eingeschifft, spätestens ab 1868 auf die Eisenbahn verladen.
Die Hütte expandierte stetig, 1883 beschäftigte sie 325 Mitarbeiter, 1892 waren es schon 503, davon etwa die Hälfte Schleifer und Graveure.
Hinzu kamen Häfner, Heizer, „Hüttermädcher“, die bei der Verpackung und in der Absprengerei tätig waren, Glasmaler und anderes Personal.
1899 wurde in Wadgassen Tag und Nacht gearbeitet und die Schichten um 6 Uhr morgens und abends gewechselt.
Veredelungsabteilungen waren: Schleiferei, Malerei, Gravur und Glanzgravur, Guillochage und Vergolderei.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden jedoch die meisten Veredelungsarten mehr oder weniger aus Rentabilitätsgründen eingestellt, zugunsten der Schleiferei.
Man begann sich zu spezialisieren. Man spezialisierte sich auf Tafelgarnituren und Trinkgefäße, sowie in den 1880-er Jahren auf „Kunsterzeugnisse“.
Dazu gehörten unter anderem Prunkpokale und Bowlen, aber auch Römer, die in den gebrochenen Farben „Antikgrün“, „Antikgelb“, „Seeblau“, sowie in Weiß, glatt oder graviert, erhältlich waren.
Wadgassen hatte schon im ersten Firmenkatalog 3 Römer angeboten, dieses Rheinweinglas par excellence sollte später zu einem Produktionsschwerpunkt werden.

Nach 1900 brillierte Wadgassen mit farbigen Überfängen und aufwändigen, geschliffenen Dekoren, die, wenn auch in vereinfachter Form, bis in die 1920-er Jahre beibehalten wurden.
Ebenso wie in vielen anderen Glashütten sind heute die Personen, die für die Formgebung der Produkte verantwortlich waren, nur in Ausnahmefällen bekannt, wie der 1885 in Saint Louis (Münzthal) geborene Glasschleifer Edmund Rigot, Sohn eines Glasmachers aus Wadgassen. 1929-1934 arbeitete Rigot als Glaskünstler für die Cristallerie Wadgassen und entwickelte in Anlehnung an die Kunstglasmarke „d’Argenthal“ (SaintLouis / Münzthal / Paul Nicolas) überfangene und geätzte Vasen (Die Vermarktung erfolgte unter der Bezeichnung „Vibo-Kunstglas“).
Rigot hatte als Glasschleifer in Saint Louis bei Paul Nicolas, einem bewährten Mitarbeiter von Emile Gallé, sein Handwerk erlernt.
Formensprache, Ornamentik und Technik greifen auf den mehr als eine Generation zuvor unter Gallé entwickelten Art Nouveau in Lothringen zurück.

Die Geschichte der Kristallfabrik Wadgassen ist in den Jahren zwischen 1914 und 1955 von zahlreichen Schwierigkeiten geprägt. Die bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs florierende Hütte wurde 1917 teilweise stillgelegt und zur Lagerung von Kriegsmaterial benutzt.
1918 wurde der Betrieb wieder aufgenommen und die Schleiferei durch Heranziehen von Arbeitskräften aus Saint Louis-lès-Bitche modernisiert. 40-50 % der Produktion gingen jetzt nach Frankreich.
1935 erfolgte aufgrund der Rückgliederung des Saarlandes an Deutschland die erneute Umstellung auf den deutschen Markt

Quellen:
– Pressglas-Korrespondenz 2017-2 Stand 29.08.2017, PK 2017-2/05
Dr.Eva Mendgen 2009/2010: Cristallerie Wadgassen Villeroy & Boch, Edmund Rigot 1919-1934 im Stil Gallé
Auszug aus Atlas der „Großregion SaarLorLux“,
www.gr-atlas.uni.lu/index.php/de
– FNR-Projekt 06/05/42 2009/2010[www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2002-2w-wilhelm-kopp-fenne.pdf]

Cristallerie-Gebäude am "Hüttenweiher", rechts im Hintergrund das ehem. Krankenhaus der Abtei Wadgassen

Exaktes Datum dieser Aufnahme der Cristallerie Wadgassen ist nicht bekannt.

Diese 3 Fotos wurden freundlicherweise zur Verfügung gestellt von:
Archiv Villeroy & Boch, Merzig. Vielen Dank

Hier: Fotoalbum A16 von 1893.

Cristallerie Wadgassen im Jahr 1925

Hier: Fotoalbum F15.2 von 1925.

die "Hüttermädcher"

Sie waren bei der Verpackung und in der Absprengerei tätig.
Vordere Reihe mit dem Meister Nikolaus Müller.
Oberste Reihe, 2. von li.: Luise Matthieu, die Mutter von Johannes Kirschweng.

Hier: Fotoalbum A15 von 1893

Text aus: „Wadgassen vormals“, v. Hans Rigot u. Peter Neumann

Cristallerie-Gelände 1863

Karte Glasofen 1867

Lageplan der Cristallerie auf dem Terrain der ehem. Prämonstratenser Abtei Wadgassen

Die Ansicht wurde erstellt, um Planung und vorgesehene Plazierung des neuen Hafenofens – farblich rosa markiert – mit 8 Öffnungen darzustellen.
Er war der 4. von 3 bereits bestehenden Öfen – hier als kleine Kreise davor eingezeichnet.
Im oberen linken Bereich des Lageplans verdeutlicht ein Querschnitt dieses Ofens die geplante Anlage.

Alle Öfen befanden sich zu Beginn des Cristallerie-Betriebes, in demselben Gebäude, in dem nach der Schließung der Glashütte 1985, die Show-Glashütte eingerichtet war, welche 2010 ebenfalls den Betrieb einstellte.

Somit schließt sich der Kreis der Glasherstellung in Wadgassen.

 

Das Foto wurde zur Verfügung gestellt von Patrik Feltes,
den Lageplan hat Reiner Meilgen gefunden und uns die Veröffentlichung erlaubt – Vielen Dank